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Shito-Ryu ist eine der vier großen japanischen Karate-Stilrichtungen und wurde 1934 von Kenwa Mabuni gegründet. Der Stil ist hauptsächlich eine Kombination zwischen Shorin-Ryu und Shorei-Ryu, den zwei Hauptsystemen die auf Okinawa existierten. Die Bezeichnung Shito leitet sich von den Namen zweier großer okinawanischer Meister ab (Shi - Higaonna, To - Itosu), welche die wichtigsten Lehrer von Mabuni waren. Die erste Schule des Shito-Ryu (Yoshukan) wurde in Osaka (Japan) eröffnet. Noch heute ist Osaka die Hochburg des japanischen Shito Ryu Karate.

Kenwa Mabuni (1889-1953)

Der Begründer des Shito-Ryu, war der 17. Abkömmling des okinawanischen Samurai-Geschlechts Onigusuku. Er begann das Studium des Tode im Alter von 13 Jahren unter Meister Yasutsune Itosu, der ihm zuerst die Kata Naihanchi beibrachte. Itosu war zu jener Zeit bereits über 70 Jahre alt. Mabuni war als Junge sehr schwächlich und oft krank. Gerade deshalb mochte und ermutigte ihn sein Meister. Er trainierte hart und lernte schließlich 23 Kata von Itosu. Als Itosu 1915 starb, soll Mabuni ein Jahr lang an seinem Grab Kata geübt haben um seinen Meister zu ehren.

Im Alter von 20 Jahren wurde Mabuni von seinem Freund Chojun Miyagi dem Naha-Te-Meister Kanryo Higashionna vorgestellt, bei dem er zu trainieren begann. Nachdem er die Schule abgeschlossen und seinen Militärdienst geleistet hatte, trat Mabuni 1912 in den Polizeidienst ein und wurde 1914 Polizeiinspektor. Während dieser Zeit setzte er das Studium des Shuri-te und Naha-Te fort.

Auf berufsbedingten Reisen lernte er auch andere Meister kennen, wie Ryuko Aragaki (Niigaki) und die Kobudo-Experten Tawada und Soeishi. Unter Higashionna perfektionierte er die Sanchin, und Aragaki lehrte ihn die Unsu, Sochin und Niseishi. Bushi Tawada lehrte ihn Bojutsu und Saijutsu.

Mabunis Lehrjahre waren von Herausforderungen geprägt. Sein Sohn Kenei schreibt: „Zu jener Zeit forderten viele Männer meinen Vater - nachdem sie gehört hatten, daß er Karate übt - zu Kake-Dameshi (Kampf ohne Regeln) heraus. Meistens akzeptierte er die Herausforderungen und suchte sich für den Kampf stets eine ruhige Ecke der Stadt aus. Jeder Teilnehmer brachte einen Sekundanten mit. Es gab keine Trainingshallen, wie sie heute existieren, wir übten und kämpften gewöhnlich auf offenem Grund. Auch gab es damals keine Straßenbeleuchtung, so daß wir nach Einbruch der Dunkelheit die Kämpfe beim Licht der Laternen fortsetzten. Nach eigenem Gutdünken unterbrachen die Sekundanten irgendwann den Kampf und erklärten, wer gewonnen hatte und wer mehr Training brauchte. Mein Vater fungierte selbst oft als Sekundant beim Kampf. Er betonte jedoch immer wieder, daß Zuschauer von diesen Kämpfen leicht einen falschen Eindruck von Karate bekommen konnten.“

1924 baute Mabuni sein erstes Dojo hinter seinem Haus. Vorher hatte er mit seinen Schülern im Garten geübt, wo auch Miyagi, Kyoda, Motobu, Hanashiro, Oshiro, Chibana und Go-Kenki unterrichteten. Mabuni unterrichtete Karate auch an der Polizei- und der Fischerschule Okinawas. Zusammen mit den oben erwähnten Meistem gründete er bereits 1918 den Okinawa Karate Kenkyu-Kai (Karate Studien Club) und einige Jahre später den Okinawa Karate Club. Das Ziel des Karate-Studien-Club war die Ausbreitung des seit Jahrhunderten auf Okinawa praktizierten Karate-Do und somit des buddhistischen Gedankengutes.

Der Karate-Studien-Club mußte aber 1929 aus finanziellen Gründen wieder geschlossen werden, weil die dort lehrenden Meister von den Schülern kein Geld verlangten; das wäre ein Bruch mit der buddhistischen Tradition gewesen. Miyagi und Mabuni waren „Meijin“ (jap. wahrer Lehrer), ein Titel, der ihnen vom Butokukai vergeben wurde. Im Buddhismus dürfen die Mönche unterrichten, aber sie dürfen dafür kein Geld annehmen und müssen für ihre tägliche Nahrung betteln. Betteln ist bei den Mönchen keine Schande, sondern eine religiöse Pflicht und Kastei des Geistes, um aus der Befangenheit des Materiellen herauszukommen. Als Lehrer den Weg (Do) zu unterrichten erfüllt keinen Selbstzweck, sondern ist eine barmherzige Tat am Mitmenschen.

1928 verließ er jedoch Okinawa und siedelte sich, dem Beispiel Funakoshi’s und Miyagis folgend, in Osaka (Japan) an. Karate als Beruf auszuüben war zu jener Zeit auf Okinawa nicht möglich, und so wollte er dieses Ziel in Japan erreichen, wo es seit jeher große Kampfkunstschulen gab. Diese Gelegenheit ergab sich 1927, als auf Okinawa eine Konferenz für die Judo-Yudansha (Schwarzgurte) stattfand, die von Kano ligoro geleitet wurde. Mabuni und Miyagi zeigten und erklärten zu diesem Anlaß die Kata des Karate, worauf Kano die Meinung äußerte, daß ein solch exzellentes Budo in ganz Japan verbreitet werden sollte. Kenei Mabuni glaubt, daß dieses Gespräch seinen Vater dazu brachte, auf das japanische Hauptland umzuziehen.

In Osaka (Nishinari) gründete er ein Karate-Dojo, das er Yoshukan nannte. Aus dieser Zeit stammt sein erster Schüler, Uechi Kanei (nicht identisch mit Uechi Kanei aus dem Uechi-Ryu), der heute Mabunis Stil als Shito-Ryu Kempo auf Okinawa weiterführt. Ab 1934 bezeichnete er seine Karate-Auffassung als Shito-Ryu Karate-Do. Als er diesen Namen aussuchte, widmete er ihn seinen beiden Lehrern Itosu und Higaonna. Die Schriftzeichen für Itosus Namen kann man auch als Shi-shu lesen, und die Schriftzeichen für Higaonna Namen To-on-na - so nahm Mabuni die ersten Schriftzeichen von jedem Namen und gründete den Begriff Shi-to.

Schon zu Lebzeiten Mabunis verbreitete sich der Stil in Japan, besonders in Kobe, Kyoto und Osaka, die auch heute noch die Zentren des Shito-Ryu sind. Lediglich Meister Manzo Itawa ließ sich in Tokyo nieder, wodurch auch dort eine starke Shito-Strömung entstand. 1934 erschien eine Veröffentlichung Mabunis, die als Leitfaden des Stils gilt (Goshin-Jutsu Karate-Kempo). 1939 schrieb Mabuni seine Schule unter der Bezeichnung Shito-Ryu im Butokukai ein.

Von allen Karateexperten auf dem japanischen Festland scheint Mabuni in jener Zeit den umfassendsten Stil mit ausgereiften Konzepten entwickelt zu haben. Seine Techniken waren harmonisch und ausgewogen, und obwohl alle Ausführungen sehr genau waren, vermittelten sie Natürlichkeit und Stärke - ganz anders als jene übertrieben formalen Techniken, die man heute in den Wettkampfstilen beobachten kann.

Spätere Karatemeister wie Otsuka oder Konishi hielten Mabuni für den außergewöhnlichsten aller Kata-Experten jener Zeit. Er kannte eine große Anzahl von Kata, die er in beeindruckender Weise demonstrieren konnte. Vermutlich war er damals der einzige Karatelehrer, der in der Lage war, die gesamte Reichweite der Shuri- und Naha-Kata zu lehren. Seine Shuri-Kata stammen zumeist von Itosu und sind jenen, die Funakoshi lehrte, ähnlich. Was die Naha-Kata angeht glaubt man heute, daß der größte Teil des Unterrichts von seinem Freund und Sempai Miyagi Chojun beeinflußt ist. Ein Goju-Sensei sagte einmal, daß Mabuni das volle Naha-System unter Higashionna wegen seiner zeitweilig beeinträchtigten Gesundheit nicht meistern konnte, und tatsächlich ist es so, daß die Shito-Kata dem späteren Miyagi-Stil sehr eng folgen. Higaonna Kata, die auf Kyoda Juhatsu übertragen wurden, zeigen gravierende Unterschiede zu den Shito- und Goju-Konzepten.

Die Kata des Stils sind unterschiedlicher Herkunft: Aus der Itosu-Schule stammen die Pinan, Bassai, Kanku, Nijüshiho, Gojushiho u.a., aus Miyagis Goju-Ryu kommt hauptsächlich Sanchin und Tensho, und außerdem gibt es noch eine Reihe von Kata, die von Mabuni und seinen Schülern selbst gegründet oder aus fremden Systemen abgeleitet wurden, wie z.B. Shihozuki, Juroku, Nipaipo, Hanenko (Ananku) u.a.

Mabuni befaßte sich nicht nur mit dem Studium des Shuri-te und Naha-Te, sondern studierte auch das Tode des Meisters Aragaki (Niigaki), eines Experten, von dem er drei Kata lernte: Niseshi (Nijushiho), Sochin und Unsu. Möglicherweise sind diese Kata durch Mabuni in den Hauptstrom des japanischen Karate gekommen. Dasselbe gilt auch für die Kata Nipaipo und Hakucho, die aus dem Bai-he-quan (Stil des weißen Kranichs) stammen. Obwohl sich Mabunis Kata von ihrer ursprünglichen, im Bubishi erläuterten Form unterscheiden, bezeugen sie die Beeinflussung des Shito-Ryu durch das chinesische Kempo. Mabuni lernte diese Kata von Go-Kenki, einem Chinesen, der in der Nähe von Naha als Teehändler lebte. Dieser übte den Stil des weißen Kranichs (auf Okinawa Hakutsuru-Ken) aus Fujian.

Nach Mabunis Tod (Mai 1952) übernahmen seine Söhne die Leitung des Stils: in Okinawa Kenzo Mabuni und in Osaka Kenei Mabuni. Letzterer ist der augenblickliche Vorstand der weltweit verbreiteten Shito-Organisation. Neben Ryusho Sakagami (dieser vertritt in Watanabe eine eigene Richtung, die er Itosu-Kai nennt) waren seine bedeutendsten Schüler: Teruo Hayashi (Gründer des Kenshin-Ryu), Tani Chojiro (Gründer des Shukokai), Kaneshiro Kensei (Gründer des Tozan-Ryu), Muneomi Sawayama (Gründer des Nippon Kempo), Shimpan Shiroma (Gründer des Shiroma Shito-Ryu), Takeshi Ueno, Kanei Uechi (Gründer des Shito-Ryu Kempo), Teishin Tsujikawa, Kosei Kuniba (Gründer des Seishinkai-Ryu), Ryusei Tomoyose und Manzo Itawa (Tokyo).

Nachdem der Altmeister gestorben war, entfernte sich zuerst Chojiro Tani aus Kobe von der traditionellen Linie des Stils und gründete die rein wettkampfmäßige Ableitung Tani-ha Shito-Ryu, die er im Shukokai organisierte. Diese Variante wurde in der Folge von Yoshinao Nanbu nach Europa gebracht. Nanbu jedoch, ein Schüler Tanis, war mit der wettkampfmäßigen Interpretation des Shukokai nicht einverstanden und gründete in Frankreich seine eigene Karate-Richtung, das Nanbu-Do.

Die beiden Sakagamis (Ryusho und Sadaaki - Vater und Sohn), ebenfalls maßgebende Meister des Stils, führten die Shito-Richtung Mabunis an ihren Shuri-te Ursprung zurück und benannten ihre Interpretation Itosu-Ryu. Sie erforschten die alten Kata der Itosu-Schule und nahmen sie als Originale in ihr Ausbildungsprogramm auf. Sakagami wurde auch als Kobudo-Lehrer weltweit bekannt.

Ein weiterer Schüler der Shito-Schule ist der okinawanische Meister Teruo Hayashi. Er wurde besonders in Frankreich bekannt, als er dort einen seiner Schüler vertrat. Den westlichen Karateka ist er durch den Film „Budo art of killing“ bekannt, worin er zusammen mit einigen seiner Schüler sein Karate (Hayashi-ha Shito-Ryu) präsentiert.

Fumio Demura studierte Karate seit 1947 und stellte das Shito-Ryu 1965 in den USA vor. Leider ist die Shito-Linie, wie viele andere Richtungen heute, untereinander zerstritten und uneinig. Es gibt große Probleme in den Interpretationen der Kata, die auch im Shito-Ryu mehr und mehr ihres ursprünglichen Zusammenhangs beraubt werden. Im Shito-Ryu sind die Wettkampfeinflüsse sehr groß und richten in der Stilstruktur gewaltige Schäden an. Die technische Breite des Stils ist immens, schon deshalb, weil in ihm die wesentlichen Punkte der Shorei- und Shorin-Schulen Okinawas vereinigt sind und er außerdem noch eine große Anzahl von Waffen enthält.

Die Techniken des Shito-Ryu

Shito-Ryu ist eine harmonische Mischung des Naha-Te (Meister Higaonna) und Shuri-Te (Meister Itosu). Da Kenwa Mabuni auch bei meister Go-Kenki (aus Taiwan) trainierte, stammen einige Kata, wie z.B. Nipaipo, aus dem chinesischen „Bai-he-quan“. Von Meister Aragaki (Tomari) kammen die Kobudo-Elemente hinzu und es ist heute in Okinawa üblich, daß an Karateturnieren auch Kobudo-Kata (Bo, Tonfa, Sai, Nunchaku etc.) Zugelassen sind. Viele Kata hat Mabuni selbst geschaffen, wovon er nur sechs publizierte (Juroku, Matsukaze, Shiho-Kosukun, Shinsei, Aoyagi, Myojo).

Alle Techniken im Shito-Ryu werden locker und natürlich ausgeführt, was nicht bedeutet, daß sie kraftlos sind. Künstlich erzwungene Bewegungen dagegen, sind dem Stil fremd. Es wird auch stets der ganze Körper eingesetzt, um Geschwindigkeit und Kraft zu erzeugen. Die Abwehrtechniken sind kurz und kreisförmig ausgeführt, nie linear gegen den Angriff selbst, und sind nach fünf Prinzipien (Uke-Go-Gensoku) eingeteilt. Die Arme und Ellbogen liegen stets nahe am Körper, um ihn gegen mögliche Schläge zu schützen. Die Ellbogen werden in fünf verschiedenen Varianten (Hiji-Ate-Goho) eingesetzt, um den Gegner an empfindlichen Stellen zu treffen.

Es gibt in den Pinan Kata und in Kombinationen von Abwehr und Konter acht Richtungen (Tenshin-Happo), weil die Zahl acht im Mahayana Buddhismus für Vollkommenheit oder Unendlichkeit steht

   

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© Lauber Heinrich